Fitness mit 50plus – Too old to train wrong!

Ein älteres Paar beim Fitness-Training.

Christian Bieser kennt sich aus. Als Physiotherapeut im Profifußball weiß er genau, wie die Hochleistungsmaschine Mensch funktioniert. Wie Psyche und Muskeln im harten Kampf um einen wichtigen Tabellenplatz zusammenspielen. In guten wie in harten Zeiten.

Der 38-Jährige hat mit seiner Expertise und seinen heilenden Händen schon beim FSV Frankfurt, bei Mainz 05 und dem 1. FC Kaiserslautern gewirkt, betreut aktuell das Zweitliga-Team des SV Sandhausen. Zu seinem Rüstzeug gehören ganz automatisch auch lockere Sprüche, mit denen er beim Kraft- und Ausdauertraining die Profis motiviert. Aber ganz genauso kann Bieser auch knallhart und kompromisslos sein.

Zum Beispiel so: „Der erste Weg geht zum Arzt. Hausarzt, Internist und/oder Orthopäde – dann erst reden wir über alles andere.“

Es geht um das Thema „Fitness mit 50plus“, ein Bereich den Bieser „für extrem wichtig“ hält, weil er „so viel zur Lebensqualität beiträgt“. Deshalb ist der Fitnessprofi so hart zum Start.

„Es ist völlig egal, ob jemand immer mal wieder ein bisschen trainiert hat, ob er seit 20 Jahren ausgesetzt hat oder noch nie in seinem Leben irgendwas mit Fitness zu tun hatte. Es spielt keine Rolle, ob Du die 50 noch sehen kannst oder schon eine höhere Zahl vornedran stehen hast. Und auch, ob Du Frau oder Mann bist, interessiert nicht wirklich!“

Bieser holt hörbar Luft und bekräftigt noch einmal: „Bevor Du loslegst, lässt Du Dich durchchecken! Basta!“

Für Sport ist niemand zu alt!

Doch der Peitsche folgt das Zuckerbrot: „Für Sport ist niemand zu alt. Für jeden Menschen gibt es geeignete Übungen und Szenarien. Völlig egal, wann und in welchem körperlichen Zustand er sich dazu entschließt, sich um seine Fitness zu kümmern.“

Bieser, selbst früher ein durchaus brauchbarer Oberliga-Torhüter, ist es wichtig, auch eventuellen Problemfällen Mut zum Start oder Restart zu machen: „Wenn es durch das Leben schon zu Beeinträchtigungen etwa der Gelenke gekommen ist, dann finden Experten dennoch Übungen, mit denen solche Menschen Sport treiben können. Aqua-Jogging zum Beispiel oder generell Schwimmen. Und falls das Herz-Kreislaufsystem nicht mehr bei 100 Prozent ist, kann mit Hilfe der Ärzte und Physios ein Belastungsbereich definiert werden, in dem kein Risiko besteht. Um auch wieder auf eine Verbesserung des Zustands hinzuarbeiten.“

Bieser wählt einen Vergleich aus seiner Profiwelt: „Bevor ein Klub einen Spieler verpflichtet, gibt es einen umfassenden Medizincheck. Da kommt alles auf den Tisch, was bisher war – denn nur dann können Spieler und Trainer daran arbeiten, das Optimale zu erreichen.“

Genau so sollte sich das auch jedes Mitglied der Generation 50plus vorstellen. „Eine ehrliche Bestandsaufnahme, um gemeinsam das bestmögliche Training herausarbeiten zu können. Allerdings achten wir Trainingsprofis bei normalen Menschen deutlich mehr auf Spaß, Motivation und Abwechslung – und weniger auf Höchstleistung oder Leistungsspitzen zu bestimmten Terminen.“

Im Alter sind die so genannten Spiegel-Muskeln nicht mehr wichtig!

Dann haut der Fitnessprofi einen Spruch raus, den sich jeder BestAger über den Trainingsplan schreiben sollte: „Mit 25 trainierst Du fürs Aussehen, da sind die so genannten Spiegel-Muskeln wichtig – bei Fitness für 50plus trainierst Du fürs Wohlfühlen, da helfen Dir eher unsichtbare Muskeln.“

Es stimmt doch: Bizeps, Sixpack, Brust und Nacken, dazu kugelige Schultern sind in jungen Jahren wichtig. Und wenn es nur dabei hilft, sich in der Disco auf beeindruckende Weise an die Wand anzulehnen …

Christian Bieser im Hardtwald-Stadion des SV Sandhausen
Fitness ist ein Beruf: Christian Bieser, Physiotherapeut des SV Sandhausen.

Im späteren bis späten Leben geht es um die Beine, den Hüftgürtel, den Rücken und ein ausgeglichenes Körpergefühl – und weniger darum, bewundernde Blicke einzufangen. Fitness im Alter heißt, das normale Leben locker zu bewältigen. Treppensteigen. Einkaufen gehen. Spaziergänge in jeder Länge. Solche Dinge eben.

Ein weiteres Detail mahnt Bieser an: „Als junger Mensch, der halbwegs regelmäßig Sport treibt, oder tanzen geht oder irgendwie sonst aktiv ist, ist das Gleichgewicht meistens kein großes Thema. Aber im Alter spielt das Training des Balancegefühls eine immer wichtigere Rolle.”

Wir stellen einfach mal eine etwas provokative These auf: Je länger das Leben dauert, desto deutlicher sichtbar werden unsere Routinen. 25, 30 Jahre am Schreibtisch oder in der immer gleichen Arbeits-Situation hinterlassen ihre Spuren genauso wie das Autofahren und die ach so bequeme Couchgarnitur. Das Körpergefühl bleibt fast zwangsläufig auf der Strecke. Fitness mit 50plus ist auch ein Kampf gegen diese Entwicklung.

Übungen für Balance und Beweglichkeit helfen dem Wohlgefühl!

Bieser motiviert dazu, genau dieser Entwicklung entgegenzuwirken: „Es gibt den uralten Spruch: Fahrradfahren verlernt man nicht. Das gilt insgesamt für die Balance, die in uns steckt. Beim Training mit älteren Menschen wird immer wieder deutlich, dass vieles nur aufgefrischt werden muss. Gerade, wenn es um die Sicherheit der eigenen Bewegungen geht.“

Testen Sie sich doch einfach mal selbst bei ganz banalen Betätigungen. Das Aufheben eines Zettels vom Boden. Das Binden der Schnürsenkel ohne Stuhl oder Sofa als stützende Hilfe. Das spielerische Stehen auf einem Bein, und zwar so, dass es sich sicher anfühlt? Wenn Sie dabei Defizite bemerken, ist es Zeit für ein bisschen Nachhilfe.

Christian Bieser setzt zum Schlusswort an: „Manchmal sind es die ganz kleinen Dinge, die im leicht fortgeschrittenen Alter eine erstaunlich große Wirkung erzielen. Balanceübungen, Wirbelsäulengymnastik oder ganz sanfte Kreislaufbelastungen zum Beispiel. Wenn das mit hoher Disziplin regelmäßig durchgeführt wird, dann sind es versteckte Zaubertricks für die angesprochene Altersgruppe. Für Frauen funktioniert das meist in der Gruppe besser als alleine, aber auch die älter gewordenen Jungs sollten das ruhig mal in der Gemeinschaft ausprobieren. Die Gruppendynamik hilft fast immer.“

Gruppentraining motiviert und hilft, Fehler zu vermeiden

Gerade für Anfänger in nicht mehr so jungem Alter hält es Bieser sogar für unumgänglich, nicht alleine vor sich hinzuwursteln: „Es gibt dazu einen Spruch: Die eigenen Fehler siehst Du nie. Aber in der Gruppe schauen eben alle drauf – und der Trainer sowieso.“

Ein letzter Tipp des Profis: „Natürlich spricht auch bei Fitness mit 50plus nichts dagegen, mit freien Gewichten zu trainieren. Aber ich appelliere an den gesunden Menschenverstand. Für praktisch alle Übungen gibt es auch Maschinen, die – wenn sie von Profis eingestellt werden – Fehler im Bewegungsablauf praktisch ausschließen. Und wer jetzt denkt, das sieht nicht so cool aus als wenn man mit Hantelstangen und Gewichtsscheiben arbeitet, dem sage ich: Dafür werden sich die Ergebnisse umso cooler anfühlen.“

„Too old to train wrong“ – ein richtig gutes Konzept!

Fotos: Pexels/SVS

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