Achtsam ernähren – besonders wichtig in stressigen Zeiten

Achtsamkeit, das ist inzwischen viel mehr als nur ein Modewort. Achtsamkeit zu erlernen und im Täglichen zu praktizieren ist auch wirklich nicht leicht. Obwohl der Weg dahin häufig scheinbar als „einfach“ beschrieben wird. Wer kennt die schlauen Sprüche nicht:

  • Einfach mal nicht alles gleich beurteilen und bewerten!
  • Einfach mal Geduld haben!
  • Einfach mal nichts wollen und schon gar nicht erzwingen!
  • Einfach mal wieder Vertrauen in sich selbst entwickeln!
  • Einfach so tun, als sei dieses Mal das allererste Mal!

Uff, hört sich das schwer an. Denn gerade beim Essen wird Achtsamkeit zur Herausforderung.

Essen gibt es buchstäblich an fast jeder Straßenecke. Essen gibt es in allen Preislagen und vielfätigen Variationen und Qualitäten. Es ist verfügbar. Gleichfalls ist die Nahrungsaufnahme lebenswichtig und dennoch wenden wir immer weniger Zeit und Gedanken dafür auf. Wir essen sprichwörtlich unachtsam.

Warum essen wir Menschen überhaupt?

Im Neandertal war die Antwort völlig klar: Der Urmensch musste essen, um zu funktionieren. Er musste alles essen, was sein Körper aushielt und in Energie umwandeln konnte. Überleben konnte er nur, weil das im Vergleich erstaunlich viel war und ist. Der Mensch verträgt Fleisch und Pflanzen, Milch und Obstsäfte, Körner und Wurzeln, die meisten Pilze sowie viel anderes Zeug, das Tiere gar nicht nutzen könnten.

Der Neandertaler aß aus der Hand in den Mund. Fast immer nur auf der Jagd nach neuer Nahrung. Selbst als er lernte, sich Vorräte anzulegen, blieb die Nahrungsbesorgung die wichtigste Aufgabe seiner Existenz.

Das allerdings hat sich gewandelt. Wir haben – zumindest in den stabilen Regionen der Welt – längst die Wahl, was und wo und wie wir essen. Deshalb unterscheiden Wissenschaftler inzwischen drei Gründe zur Nahrungsaufnahme:

– Nutritives Essen, um den Körper mit den notwendigen Nährstoffen zu versorgen.

– Emotionales Essen, um ein Bedürfnis nach einem Nahrungsmittel zu decken, das einem sehr viel bedeutet oder mit dem sich besondere emotionale Erfahrungen verbinden. (Eis essen als glückliches Kind. Schokolade essen bei Einsamkeit. Fast Food mit den Freunden.)

– Soziales Essen, um in verschiedenen gesellschaftlichen Situationen nicht gegen die Norm zu verstoßen (Familienfeiern, Geschäftsessen oder abendliche Empfänge) oder ein – meist teuer bezahltes – Überangebot „vernünftig“ zu nutzen (Buffets, vor allem „All inclusive“-Angebote).

Das alles – und andere eventuelle persönliche Ernährungsfehler – zu erkennen, ist gar nicht schwer. Es zu ändern aber schon.

Achtsam essen muss gelernt werden

Denn Achtsamkeit heißt keinesfalls, nach einer ganz schnellen Erkenntnis ruckzuck den Schalter umlegen und alles ganz anders zu machen. So funktioniert das nicht. Kein Mensch kann von einer Sekunde zur anderen den Schalter umlegen – die Neuprogrammierung braucht Zeit. Und sie funktioniert am besten auf langsame, fast schleichende Weise. Anhalten. Durchatmen. Beobachten. Lehren ziehen.

Im Englischen heißt das: Stand still. Take a breath. Observe. Proceed.

Die Anfangsbuchstaben ergeben STOP – was natürlich kein Zufall ist, sondern die Grundregel der Achtsamkeit. Abstoppen im ganz normalen Galopp unseres Lebens. Abstoppen und den Fokus darauf richten, was wirklich gerade passiert. In diesem Fall eben beim Essen.

Julia Bollwein ist Diplom-Öko-Ernährungswissenschaftlerin und Leiterin des Instituts für achtsames Essen in München. In einem Artikel für das Bundeszentrum für Ernährung in Bonn erklärt sie Zwänge und Lösungswege rund um ganz banale Situationen rund ums Essen. http://bit.ly/AchtsamEssen

Aus diesem Text hier diejenigen Achtsamkeits-Hilfen, die wohl am einfachsten zu befolgen sind:

– Versuche, vor dem ersten Bissen kurz zur Ruhe zu kommen. Und wenn es nur ein dreimaliges, bewusstes Durchatmen ist.

– Esse ohne Ablenkung durch Fernseher, Computer, Smartphones etc.

– Versuche, mehrere Sinne zu aktivieren. Gutes Essen riecht gut, gutes Essen sieht gut aus, gutes Essen vermittelt ein gutes Gefühl im Mund – nicht nur guten Geschmack.

– Esse wirklich nur das, was Dir schmeckt.

– Versuche, langsam zu essen. Gut zu kauen. Das Besteck nach jedem Bissen hinzulegen. Das Glas nach einem kleinen Schluck abzusetzen.

– Versuche, das Gefühl des Sattwerdens zu spüren. Nicht erst dann, wenn Du fast platzt und fast aus Trotz noch zwei, drei, vier Gabeln nachlegst. Sattwerden im Verlauf des Essens ist spürbar. Insofern ist Weiteressen dann unachtsam.

Hektik ist der Feind der Achtsamkeit

Seien wir ehrlich: Diese Regeln zu befolgen, ist in unserer hektischen Zeit mit sich überlappenden Prioritäten (Familie, Beruf oder Schule, Fitness, Ruhe etc.) alles andere als leicht. Alleine schon die oftmalige Desorganisation, die das Home Office mit sich bringen kann, kann gute Vorsätze über den Haufen werfen.

Aber Experten wie Julia Bollwein haben recht. An so etwas Lebenswichtiges, wie es das Essen definitiv ist, verschwenden wir manchmal erstaunlich wenig Hirnschmalz oder Hingabe darauf. Böse gesagt: Weniger Sorgfalt als auf eine intensive Autowäsche. Oder weniger als auf unsere favorisierte Fernseh-Serie. Weniger als auf unseren Lieblingsverein. Eine beunruhigende Erkenntnis.

Achtsamkeit ist der Schlüssel, das zu ändern. Probieren wir es doch einfach mal aus.

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